Fr 3. März 20:00 Einlass 19.00
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Benjamin Biolay

"Palermo Hollywood"
Fr 3 Mrz 20:00 Einlass 19.00
Tickets Tickets auch an allen bekannten Vorverkaufsstellen verfügbar

Benjamin Biolay, dessen Name so weich wie Butter über die Lippen geht, hat sich stets seine Unberechenbarkeit bewahrt. Dieses längst erwachsen gewordene enfant terrible der zeitgenössischen französischen Popmusik ist immer für eine Überraschung gut, was er mit seiner letztjährigen Hommage an die Chansonlegende Charles Trenet eindrücklich bewiesen hat. Er ist ein formidabler Sänger, experimentierfreudiger Musiker und enorm vielseitiger und vielbeschäftigter Produzent, er reüssierte in den letzten Jahren auch immer wieder als Schauspieler und hat es schon auf mehr als ein halbes Dutzend Rollen in französischen Kinofilmen gebracht. „Palermo Hollywood“, sein neues Album, klingt über weite Strecken vielleicht nicht von ungefähr wie der vielbeschworene Soundtrack zu einem imaginären Film, ist aber vor allem das kreative Resultat einer Reise nach Buenos Aires, wo knapp die Hälfte der Songs entstand – und aus dieser kulturellen Dualität zwischen Paris und Buenos Aires entwickelt das neue Werk denn auch seine Spannung, seinen Spirit und seine ganz eigenwillige Signifikanz.

Im letzten Jahr hat Benjamin Biolay einen zweiten Frühling erlebt – nicht seinen zweiten Frühling, das wäre mit gerade mal 43 Jahren wahrlich noch zu verfrüht – denn  nach dem Frühling in Paris genoss er in der Zeit, in der hierzulande bereits Herbst war, einen weiteren klimatischen Frühling in Buenos Aires. In der argentinischen Hauptstadt verbrachte Benjamin Biolay seine Tage vornehmlich in dem Stadtteil Palermo, dem größten Viertel von Buenos Aires, das geprägt ist von Einwanderern aus vielen Nationen und heute ein kunterbuntes Szeneviertel voller Cafés, Restaurants und Clubs. „Palermo Hollywood“ heißt ein überschaubar großes Quartier, in dem sich Mitte der 1990er viele Film- und Fernsehleute niederließen und das deswegen den Spitznamen Hollywood bekam. In dieser Gegend ist ein Großteil des neuen Albums entstanden, für das Biolay eher die Melancholie des Tangos als den Tango selbst aufgegriffen hat. Die anderen Songs des Albums wurden im Norden und Süden von Paris aufgenommen.

Schon der Opener und Titelsong „Palermo Hollywood“ ist ein Auftakt nach Maß. Die Melodie, die von einem kompletten Streichorchester sanft untermalt wird, könnte aus einem mysteriösen Krimi aus den Siebzigern stammen. Filmmusikalisch pendelt der Song zwischen Morricones frühen Arbeiten für Italo-Krimis und dem James-Bond-Motiv von John Barry. Selten klang Biolays Stimme in einem Song so sonor wie auf dem bereits als Appetizer vorab veröffentlichten Stück – das kommt schon ganz nah an Gainsbourg heran, gleichwohl im mysteriösen Talking-Blues-Modus eines Leonard Cohen. Biolay beschreibt hier das Ende einer schlaflosen Nacht voller absurder Begegnungen und Beobachtungen bei Tagesanbruch. Dementsprechend sehen wir Benjamin Biolay in dem Videoclip durch ein mystisches Palermo wandeln.

Für zwei weitere „Palermo“-Stücke, „Palermo Queens“ und „Palermo Soho“, hat Biolay mit der peruanischen Künstlerin Sofia Wilhelmi zusammengearbeitet. Wilhelmi ist eigentlich Theaterschauspielerin und lebt schon seit Jahren in Buenos Aires. Bekannt geworden ist sie auch als Autorin und Hauptdarstellerin der Web-Serie „Plan V“ über bisexuelle Liebesbeziehungen. Sowohl „Palermo Queens“ als auch „Palermo Soho“ variieren auf ihre ganz eigene Art und Weise den Cumbia, jene vitale Folklore, die in ihrer modernen Form mittlerweile ihren Siegeszug weit über Lateinamerika hinaus angetreten hat. Beide Songs weisen eine gewisse Nähe zu Manu Chao auf und Benjamin Biolay zeigt auf dem melancholisch-munteren „Palermo Queens“, dass er auch ausgezeichnet Bandoneon spielen kann. Der humorvolle Vortrag von Sofia Wilhelmi über Cocktails und die Königinnen von Palermo gibt dem Song noch einen zusätzlichen Pfiff. Richtig aufgedreht klingt auch „La noche ya no existe“, ein mit der uruguayisch-argentinischen Dancehall-Sängerin Alika aufgenommener Song mit ausgesprochen karibischem Flair.

Zu den weiteren großartigen Momenten gehört auf jeden Fall „Pas d’ici“. Auch wenn sich Biolay offensichtlich nicht ganz entscheiden konnte, ob dies nun mehr Rock oder Pop sein soll (ohnehin ist die Unentschiedenheit das Thema dieses Songs), ist das Stück mit seiner hochfliegend-euphorischen Melodie kraftstrotzend produziert – und könnte durchaus eine der nächsten Singles werden. Locker und leicht schnurrt auch „Miss Miss“ durch den Äther. Aufgenommen hat er diesen Song unter anderem mit dem Gitarristen und Bassisten Nicolas Fiszman und dem Schlagzeuger und Percussionisten Denis Benarrosh, jenen beiden Musikern, mit denen Biolay in den letzten Jahren vermehrt zusammarbeitet und jüngst auch das Album „Trenet“ aufgenommen hat.

 

„Borges Football Club“ ist ein kleines Intermezzo, in dem eine an „The Persuaders“

(„Die Zwei“) erinnernde Melodie gegen ein romantisches Motiv gesetzt ist. Collagenhaft eingefügt ist hier die feurige argentinische Reportage aus dem legendären Fußball-WM-Viertelfinale Argentinien gegen England (2:1), in dem Maradona zwei unvergessliche Tore erzielte: Das als „Hand Gottes“ bekannte, aber eigentlich irreguläre Handspieltor und das nach einem Sololauf über den halben Platz erzielte, das später zum WM-Tor des Jahrhunderts gewählt wurde. Apropos Borges: Argentinien wohl berühmtester Dichter Jorge Luis Borges, der viele Jahre in dem Stadtteil Palermo lebte, taucht hier ebenfalls auf und rezitiert am Ende von „Pas sommeil“, in dem sich Biolay einmal mehr den grüblerischen Chansonnier gibt, aus seinem Gedicht „Ajedrez“ („Schach“).

Auf der anderen, der Pariser Seite, wenn man so will, gibt es auch traditionell in der französischen Kultur verwurzelte Stücke wie das gemeinsam mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Chiara Mastroianni (mit der er auch eine gemeinsame Tochter hat) und dem Filmemacher Melvil Poupaud aufgenommene, kokett swingende „Ressources humaines“, das an Gainsbourg erinnernde „Tendresse année zéro“ und die Single „La débandade“, ein mit verwehten Gitarren und traurigem Akkordeon inszenierte Ballade über die Flucht aus einer Liebesgeschichte. (Visuell in sepia-farbenen Bildern aus einem tristen Hotelzimmer kongenial umgesetzt.) Mit der „Ballade française“ rundet Biolay sein Album zudem mit einem mustergültigen Chanson ab.

„Palermo Hollywood“ ist mindestens so abwechslungsreich wie sein als Meisterwerk gefeiertes Doppelalbum „La superbe“ aber vielleicht eine entscheidende Spur reifer oder, sagen wir, weltläufiger. Ein Album, das zwei der faszinierendsten Metropolen der Welt vereint: Buenos Aires und Paris. Zwei Städte, aber mehr als ein Dutzend Momentaufnahmen. Zwischen Cinema und Cumbia, Charango-Gitarren und Chanson, Pop, Pathos und Poesie, Experiment und Elegie, Fußball und Fiesta entsteht hier ein farbenprächtiges Kaleidoskop an Stimmungen. Die Songtexte offenbaren ein dementsprechendes Wechselbad der Gefühle, mal melancholisch, nahezu morbide, mal fröhlich, bis hin zu furios. Die Frühlingsluft der Gaucho-Metropole Buenos Aires hat dem Wahlpariser verdammt gut getan. Benjamin Biolay läuft zur Hochform auf. Vamos! Film ab für „Palermo Hollywood“.

 

 

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